MIFD – Klassenführung: Organisation

Der erste Artikel der Serie beschrieb Aufbau und Funktionsweise des MIFD (Modell individuelle Förderung digital).  Der zweite Beitrag zeigte auf, wie Diagnose und Feedback mithilfe digitaler Medien im Unterricht durchgeführt werden können. Dieser Artikel widmet sich Aspekten der Klassenführung wie Organisation, Regulation – also der positiven Beeinflussung von Schülerverhalten – und Kommunikation.

VON TOBIAS RODEMERK UND JAN HAMBSCH

Um individuell fördern zu können, ist es nötig, entsprechende Freiräume zur Begleitung und Beratung der Lernenden zu schaffen. Nach Haag und Streber (2012: 47 ff.) kommen hierbei den Aspekten Kommunikation, Beeinflussung von Schülerverhalten sowie Organisation Schlüsselrollen zu (Abb. 2).

Mit Organisation ist einerseits der Aufbau des Unterrichts selbst gemeint, andererseits lässt sich diese Aufgabe auch auf die organisatorischen Rahmenbedingungen von Unterricht beziehen. Strukturierung und professionelle Organisation des Unterrichts sowie adäquates Reagieren auf Unterrichtsstörungen schaffen die nötigen Voraussetzungen, um die Basis für wirksame Lernprozesse zu legen (Bohl et al. 2010: 22). Dies trifft ebenso auf die Integration des Konzepts der individuellen Förderung im Unterricht zu. Auch Brophy und Good sehen es als erwiesen an, dass Schülerinnen und Schüler besser lernen, wenn durch eine effiziente Klassenführung die Basis für konzentriertes Lehren und Lernen geschaffen wird (Brophy/Good 1986: 328 ff.). Der Klassenführung kommt deshalb eine Schlüsselfunktion im Unterricht zu (Weinert/Birbaumer/Graumann 1996: 124). Nach Helmke (2011: 52) ist kein anderes Merkmal so eindeutig und konsistent mit dem Leistungsniveau und Leistungsfortschritt von Klassen verknüpft wie die Klassenführung.

Abb. 1: Das MIFD – Klassenführung im Fokus.

Auch Hattie (2015: 122) unterstreicht die Wichtigkeit einer effizienten Klassenführung. Der Einfluss auf die Lernleistung wird mit d=0,52 angegeben. Dieser Wert bezieht sich auf die Summe aller darin enthaltenen Variablen. Einzelne Aspekte wie beispielsweise „Reaktion auf Verhaltensprobleme“ und emotionale Objektivität (d=0,71), disziplinarische Intervention (d=0,91), greifbare Anerkennung (d=0,82) sowie klar strukturierte Regeln und Verfahren (d=0,76) weisen hohe positive Effekte auf die Lernleistung auf.

Auch Geworr (2011) sieht Klassenführung als Gelingensfaktor individueller Förderung. Dies ist einerseits der Organisation der äußeren Rahmenbedingungen der heterogenen Lerngruppe geschuldet (Riecke-Baulecke 2012: 3), zum anderen erfordern teilweise asynchron stattfindende Unterrichtsverläufe ein Höchstmaß an Komplexität in Bezug auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen, in denen diese zu realisieren sind (Geworr 2011: 1 ff.). Aufgrund der angesprochenen Komplexität ist ersichtlich, dass die Realisierung individueller Förderung nur in gut strukturierten Lehr- und Lernumgebungen möglich ist.

Abb. 2: Kerninhalte individueller Förderung nach Haag/Streber (Haag/Brosig 2012: 2).

Organisation

Abb. 3: HF Klassenführung, HE Organisation.

Ganz besonderen Wert misst Helmke der Strukturierung zu. Sie besitzt überragende Bedeutung. Helmke geht in diesem Zusammenhang auf Unterschiede zwischen Junglehrern und Lehrern mit mehrjähriger Berufserfahrung ein. Letztere vermögen durch eine rechtzeitige Planung, durch Organisation und Bereitstellung von Lehrmaterial sowie Etablieren klarer Regeln das Verhalten in der Klasse entscheidend zu beeinflussen. Es geht hier also nicht um reaktionäre Fähigkeiten bei auftretenden Problemen, sondern darum, durch eine entsprechende Organisation der Entstehung von Problemen vorzubeugen (Helmke 2011: 58). Hier gilt es, auf den Zusammenhang von Organisation und aktiver Lernzeit hinzuweisen. Die Effektstärke der aktiven Lernzeit wird bei Hattie mit d=0,38 angegeben. Es geht jedoch nicht primär darum, die Lernzeit per se zu verlängern – ein längeres Schuljahr oder zusätzliche Stunden pro Tag führen zu keiner signifikanten Leistungssteigerung, der Effekt wird mit d=0,10 angegeben. Entscheidend ist die aktive Auseinandersetzung mit dem Stoff und das damit verbundene„ absichtliche Üben“ (Hattie 2015: 219). Eine effiziente Organisation verbessert demnach für alle Lernenden die Chance, mehr „absichtlich üben“ zu können.

Den Prozess unterstützende App

Immer wiederkehrende Kernfragen sollten im Sinne einer effizienten Klassenführung verbindlich und für alle verständlich geklärt sein. Beispiele für solche Fragen sind: „How do I find out what my assignments are? How do I complete work missed when I am absent? How do I get help if I need it?“ (McCown/Driscoll/Roop 1996).

Die Die Webanwendung start.me kann einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen leisten. Ihr primärer Nutzen ist die Strukturierung der virtuellen Lernumgebung. Die App ermöglicht das kategorisierte Anordnen der für den Unterricht relevanten Links. Anstatt sich mehrere Links zu notieren, gelangen die Lernenden mit nur einem Masterlink zu allen weiterführenden Angeboten. Linkclouds sorgen somit für einen reibungslosen Ablauf des Organisatorischen. Auf diese Weise können Nachfragen und Verwirrung vermieden und die aktive Lernzeit erhöht werden (Abb. 4).

Abb. 4: Screenshot start. me – Beispiel einer Linkcloud: Übersicht aller für den Unterricht relevanten Links.

Produktivitäts-Apps wie Evernote oder OneNote ermöglichen das Strukturieren und die Distribution von Lernmaterialien. Sie können Nutzern durch Anmeldung, aber auch durch Einladung per Mail oder einen Link öffentlich zugänglich gemacht werden. Im schulischen Kontext ist es auf diese Weise möglich, Arbeitsmaterialien und Inhalte der Stunden mit den Schülerinnen und Schülern zu teilen. Geteilte Dokumente werden automatisch in Echtzeit aktualisiert. Dies ist in der Praxis besonders praktikabel, da Schülerinnen und Schüler Arbeitsblätter bei Verlust oder Nichtteilnahme an einer Unterrichtsstunde selbstständig betrachten und herunterladen können. Der Unterrichtsinhalt ist somit stets verfüg- und nachvollziehbar. Darüber hinaus können den Stunden problemlos thematisch weiterführende Inhalte in Form von Texten, Videos etc. digital beigefügt werden. Interessierten Lernenden wird auf diese Weise die Möglichkeit gegeben, sich freiwillig, selbstständig und vertiefend mit dem Stoff auseinanderzusetzen.

Abb. 5: Screenshot Evernote: Bereitstellung von Materialien zu den Unterrichtsstunden – Ansicht eines Kursraums.

Dem Notizbuch hinzugefügte Personen können jederzeit nachverfolgen, welche unterrichtlichen Inhalte behandelt wurden. Somit kann das Zusammenspiel von Schule und Erziehungsberechtigten, Betrieben etc. optimiert werden, ohne zusätzliche Verwaltungsressourcen bereitstellen zu müssen (Abb. 6 und Abb. 7).

Abb. 6: Screenshot: Detailansicht einer Stunde in Evernote.

Das Bereitstellen einer vorstrukturierten Lernumgebung kann demnach zur Stärkung der Selbstständigkeit der Lerner beitragen. Sind alle Komponenten des virtuellen Klassenzimmers eingerichtet, sind die Lernenden dazu angehalten, die Verantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen und sich mit den vorstrukturierten Elementen auseinanderzusetzen. Die Entwicklung weg von einer Rezipientenhaltung hin zum aktiven Lernen wird somit nachdrücklich gefordert und unterstützt.

Beim Lernen mit digitalen Medien geht es jedoch nicht nur um die Bereitstellung von Materialien durch die Lehrkraft, selbsterstellte digitale Artefakte müssen ebenso geordnet und gespeichert werden. Da im Laufe einer Schülerkarriere zahlreiche digitale Artefakte erschaffen werden, empfiehlt sich deren thematische Zusammenführung an einem zentralen Ort.

Abb. 7: Screenshot: Detailansicht einer Stunde in OneNote.

Erweitert man OneNote mit dem Kursnotizbuch (Abb. 8), erhält man ein Tool, welches das Verteilen von Dateien und das Betrachten von Inhalten erlaubt, die von Lernenden bereitgestellt wurden. Dokumente können direkt im Schülernotizbuch annotiert werden und müssen nicht vom Lernenden abgegeben und anschließend vom Lehrenden wieder ausgeteilt werden. Dadurch, dass einzelne Seiten komplett freigegeben werden können, lässt sich ein eingeschränktes öffentliches Portfolio erstellen. Das Archivieren von Videos, Artikeln und anderen Webseiteninhalten als weiterzuverarbeitende Informationsquellen ist eine wichtige Funktion digitaler Lernbegleiter, die durch die Bereitstellung eines digitalen Notizbuches erheblich vereinfacht werden kann.

Abb. 8: Ansicht eines Notizbuchs in OneNote.

Eine weitere Option, Schülerarbeiten zu verwalten, stellen App-E-Portfolios wie Seesaw, Showbie oder Mahara dar. Diese bieten unter anderem eine Ablage für erzeugte Produkte und die Möglichkeit der Veröffentlichung für begrenzte Nutzergruppen oder im offenen Netz.

E-Portfolios in Form von Cloud-Ordnern können ebenso zur Verwaltung von Dokumenten genutzt werden. In diesen können Lehrende und Lernende Dateien ablegen, in Unterordnern sortieren und miteinander teilen. In diesem Zusammenhang sollte eine Schulung der Lernenden in Bezug auf eine sinnvolle Dateistruktur stattfinden, da nicht davon ausgegangen werden kann, dass Fähigkeiten zur Strukturierung digitaler Lernumgebungen bei allen Schülern gleichermaßen vorhanden sind.

Eine gute Möglichkeit, auf iOS-Geräten eine solche Dateistruktur zu erstellen und anzuzeigen, stellt die kostenlose App Documents 5 dar. Das Programm bietet die Option der Einbindung zahlreicher Cloud-Dienstleistungen und erlaubt mittels des WebDav-Protokolls auch die Verbindung zu Owncloud-/Nextcloud-Servern sowie die Synchronisation von Ordnern mit der Cloud (Abb. 9).

Abb. 9: Ansicht der Ordnerstruktur in Documents 5.

Hierbei gilt es zu beachten, dass Owncloud und Nextcloud Open-Source-Lösungen darstellen, um eine private Cloud auf einem eigenen Server zu hosten. Einige Schulserver-Lösungen bieten ebenfalls an, Daten von außerhalb der Schule abzurufen, und können einige Funktionen einer Cloud ersetzen. Die Nutzung von bekannten Anbietern (Google-Drive, Dropbox etc.) birgt die Gefahr eines Konfliktes mit hiesigen Datenschutzbestimmungen, da personenbezogene Daten durch die Speicherung von Dokumenten im Portfolio preisgegeben werden können. Eine eigene Cloud in Form einer auf dem Schulserver installierten Lösung bietet mehr Datenschutz, kommt aber einem höheren Administrationsaufwand gleich.

Andere Anbieter wie OwnCube oder blaucloud bieten Lösungen auf deutschen Servern an, die bei Abschluss einer entsprechenden Datenschutzbestimmung genutzt werden könnten.

Ein anschaulicheres E-Portfolio stellen Systeme dar, bei denen Lernende über einen WYSIWYG-Editor erstellte Produkte grafisch ansprechend auf einer Themenseite darstellen können. Exemplarisch seien hier Moodle/Mahara, WordPress/LearnDash oder auch WebWeaver genannt.

Fortsetzung folgt.

AUTOREN

Tobias Rodemerk und Jan Hambsch sind Lehrer an beruflichen Schulen in Baden-Württemberg und Multimediaberater. Zusammen geben sie unter dem Label rebooted.schule Fortbildungen zum Einsatz von Tablets im Unterricht. Das MIFD ist unter www.integrate2learn.de mit klickbaren Elementen in drei Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch) verfügbar.

 

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LITERATUR

BOHL, T.; KANSTEINER-SCHÄNZLIN, K.; KLEINKNECHT, M.; KOHLER, B. & NOLD, A. (HRSG.) (2010): Selbstbestimmung und

Classroom-Management. Empirische Befunde und Entwicklungsstrategien zum guten Unterricht, Bad Heilbrunn

BROPHY, J. E. & GOOD, T. L. (1986): Teacher behavior and student achievement. In: M. C. Wittrock (Ed.): Handbook of research on teaching, London, 328 ff.

GEWORR, J. (NOVEMBER 2011): Individuelles Lernen fördern. Handreichung, in Zusammenarbeit mit DFB-Modulgruppe M 14 im Studienseminar für Gymnasien, Kassel, 1–3

HAAG, L. & BROSIG, K. M. (2012): Klassenführung – Worauf kommt es an? Eine Schlüsselfunktion im Unterricht. Unterricht & Erziehung. Zugriff am 21.8.2016, verfügbar unter http://www.schulpaedagogik.uni-bayreuth.de

HAAG, L. & STREBER, D. (2012): Klassenführung. Erfolgreich unterrichten mit Classroom Management, Weinheim

HATTIE, J. (2015): Lernen sichtbar machen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von „Visible Learning“, Baltmannsweiler HELMKE, A. (2011): Unterrichtsqualität, Konzepte, Messung, Veränderung. Studienbrief Nr. SM0510 des Master-Fernstudien-

gangs Erwachsenenbildung der TU Kaiserslautern, unveröffentlichtes Manuskript, Kaiserslautern

HELMKE, A. (2014): Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts, Seelze-Velber

HUIZINGA, J. (1987): Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel, Reinbek bei Hamburg

McCown, R. R.; Driscoll, M. P. & Roop, P. (1996): Educational psychology. A learning-centered approach to classroom practice, Boston

RIECKE-BAULECKE, T. (2012): Vorwort. Schulmanagement (2), 3

WEINERT, F. E. (1998): Guter Unterricht ist ein Unterricht, in dem mehr gelernt als gelehrt wird. In: J. Freund,

  1. Heinz Gruber & W. Weidinger (Hrsg.): Guter Unterricht – was ist das? Aspekte von Unterrichtsqualität, Wien, 7–18

WEINERT, F. E.; BIRBAUMER, N. & GRAUMANN, C. F. (HRSG.) (1996): Psychologie des Lernens und der Instruktion, Göttingen ZELLMAN, G. L. & WATERMAN, J. M. (1998): Understanding the Impact of Parent School Involvement on Children’s Educational

Outcomes. In: The Journal of Educational Research, 91 (6), 370–380

 

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